Anspruch und Wirklichkeit der „Diktatur des Proletariats“ in der DDR:
Der Zusammenbruch der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) brachte in der Politologie das offizielle Ende der marxistischen Weltauffassung mit sich. Marxistische Ideen mögen zwar befreiend geklungen haben, aber die Umsetzung dieser Ideen hat darauf hingewiesen, dass sie letztendlich zu diktatorischen politischen Maßnahmen führen, die die DDR und andere Staaten des Ostblocks auszeichneten. In der Tat beriefen sich sowohl viele SED-Mitglieder, als auch Geheimpolizisten und Stasi-Agenten auf die Ideen Marx', und wiesen sogar auf die ‚historische Notwendigkeit’ ihre Aktionen hin, um die Diktatur, die Unfreiheit und die Unterdrückung jeder Opposition zu rechtfertigen. Für die heutige politische Theorie ist das schon Beweis genug, dass es eine unmittelbare Linie gibt zwischen den Ideen Marx’ und der politischen Praxis Stalins oder Ulbrichts. Paradoxerweise wurde diese Idee, aus politisch-strategischen Gründen, von sowohl den westlichen Mächten als auch den ‚offiziellen Kommunisten’ begeistert unterstützt.[1] Es ist nicht zu leugnen, dass die herrschende „marxistisch-leninistische“ Partei in der DDR die Ideen Marx’ „ganz für sich“ reklamierte und sich „als Vollstreckerin seines Willens, als Erfüllung seiner Verheißungen“[2] verstand. Außerdem verfügte diese Partei über den „sozialistische[n] Staat der DDR – eine Form der Diktatur des Proletariats“[3], wie es im offiziellen Staatsbuch der DDR hieß. Diese Situation hat nun dafür gesorgt, dass die marxistische Weltanschauung allzu leicht als utopisch oder diktatorisch dargestellt wird. In der 'postmarxistischen' Welt erhebt sich deshalb die Frage, in welchem Verhältnis die Ideen Marx’ zur Praxis der Deutschen Demokratischen Republik stehen – eine große Frage, die einer größeren Analyse bedarf als diese. Dementsprechend wird sich dieser Aufsatz auf eine Diskussion der marxistischen Idee der „Diktatur des Proletariats“ beschränken. Folglich wird deren politische Umsetzung geschichtlich analysiert, um so auf die Frage einzugehen, inwiefern sich die DDR als ein von Marx und Engels vorgesehener „Arbeiterstaat“ unter der Steuerung der „Diktatur des Proletariates verstehen lässt. Dabei werden die Entstehung der DDR und ihre politische Entwicklung unter den Bedingungen der durch den Kalten Krieg beeinflussten politischen Strategie der Kommunistischen Partei der UdSSR analysiert.
Marx verstand die Diktatur des Proletariats als notwendiges „Zwischenglied zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft“[4] In seiner Analyse der DDR hebt Löwe diesen totalitären Anspruch in den Ideen Marx' hervor, um so eine historische Verbindung zwischen den diktatorischen Ideen Marx' und der ebenso diktatorischen Praxis der SED aufzuzeigen. Schließlich trägen solche Ideen „weit stärker totalitäre als demokratische Züge“[5] Irreführend jedoch ist sein Gebrauch des Begriffes „Diktatur“ im heutigen Sinne. Das Wort Diktatur hat, wie alle sprachlichen Konzepte[6], eine gewisse etymologische Geschichte hinter sich, die analysiert werden muss.
Der Begriff Diktatur ist in seiner sprachlichen Anwendung auf das römische Konzept der „Dictatura“ zurückzuführen, nämlich eine verfassungsmäßige Maßnahme, die es einem vertrauten Römischen Bürger ermöglichte, über absolute Herrschaft der Republik zu verfügen. Diese Maßnahme war jedoch nur als vorübergehend gedacht, um die Republik vor einen inneren oder äuβeren Feind zu schützen, und war eben gegen jene Kräfte gerichtet, die eine Art von Diktatur (im modernen Sinne) errichten wollten. Bis zum 19. Jahrhundert bezeichnete „Diktatur“ die absolute Herrschaft demokratischer Versammlungen, politischer Bewegungen oder des Volkes im Allgemeinen. Marx hat sie „nur angewendet, um die politische Macht einer Klasse zu bezeichnen.“[7] Gebraucht wurde dieser Begriff auch von liberalen und konservativen Denkern, um die absolute Herrschaft einer Gruppe zu bezeichnen. Interessant ist in dieser Hinsicht eine von Juan Donoso Cortésgggge gehaltene Rede, welche die Diktatur als eine notwendige Maβnahme bezeichnete, wenn die Legalität nicht ausreichte. Darüber hinaus vertrat er die Ansicht, dass „die Diktatur“ zwar ein fürchterlicher Begriff war, noch fürchterlicherer aber das Wort „Revolution“ und deswegen sei eine „von oben“ eingeführte Diktatur das kleinere Übel.[8] So muss Marx’ Gebrauch des Begriffes verstanden werden – als die absolute politische Herrschaft einer bestimmten Klasse, die der Demokratie nicht entgegengesetzt ist, sondern gerade eine demokratische Basis hat.
Marx und Engels kommen 1848 zum Schluss, dass die Arbeiter als gesellschaftliche Mehrheit an die Macht kommen, also die Staatsmacht ergreifen müssen, um die sozialistische Weltordnung auf demokratische Art und Weise einzuführen. So wurde die politische Vorstellung, dass eine sozialistische Minderheit in der Gesellschaft an die Macht kommen könnte, völlig abgelehnt. Stattdessen wurde betont, dass die sozialistische Revolution eine gesellschaftliche Mehrheit erfordert, und dass „der erste Schritt in der Arbeiterrevolution die Erhebung des Proletariats zur herrschenden Klasse, die Erkämpfung der Demokratie“[9] ist. In dieser Hinsicht ist aufschlussreich, dass Politologen wie Löwe und Mampel gerne Michael Bakunin zitieren, um die „totalitären Ansprüche“ des marxschen Denkens zu beschreiben – Bakunin war selbst ein offener Verfechter des ‚konspiratorischen Sozialismus’ und Marx und Engels kritisierten ihn immer wieder dafür. In der Tat bezeichnete Engels eine solche Vorstellung der Revolution als ein coup de main einer kleinen Minderheit, deren Diktatur nach dieser politischen Tat nicht die “einer ganzen revolutionären Klasse” sei, sondern deren, die diesen coup de main organisierten und insofern die Diktatur einiger Menschen sei.[10]
Mampel ist jedoch der festen Überzeugung, dass die „geistigen Wurzeln der DDR“[11] erst bloßgelegt werden können, wenn man sich nicht nur auf Lenin und seine Idee der „Armee der Arbeiterklasse“ beziehe, sondern auch Marx, den „große[n] Lehrmeister.“ Mampel weist darauf hin, dass „kein Geringster als Kurt Hage“[12], der Chefideologe der DDR, die Aktualität der marxschen Ideen für das politische System der DDR beschreibt. Es muss jedoch betont werden, dass die herrschende SED ein großes Interesse daran hatte, ihre Aktionen als marxistisch darzustellen, wenn nur aufgrund der Tatsache, dass die offizielle Staatsideologie der DDR der Marxismus war.
Es ist also eine Kluft zwischen der marxschen Vorstellung von Diktatur des Proletariats (Sozialisierung und Erweiterung der Demokratie und die absolute Herrschaft von unten) und der politischen Praxis der DDR (Verflechtung von Partei und Staat, Repressionen, und Kontrolle von Oben) zu konstatieren, die zu analysieren ist. Viele Analysen der DDR neigen dazu, die DDR als selbstständiges Phänomen zu verstehen und nicht als Erbin des stalinistischen Modells und ihres dogmatischen und deterministischen Marxismus.
Es muss doch betont werden, dass strukturelle Veränderungen innerhalb der DDR fast immer auf Entwicklungen in der UdSSR zurückzuführen sind. Schließlich, so Ulbricht beim Parteitag der SED 1952, befinde sich die DDR, nach der von der Sowjetarmee durchgeführten „demokratische[n] Umwälzung“, in einem „Bündnis von Arbeitern und Bauern“ [13] im Kampf um den Weltsozialismus. Hinzu kam noch die Kundgebung von Willhelm Pieck am 9. Juli 1953, dass die SED nun eine „Partei des neuen Typs“ geworden wäre, die von ihren „guten Freunden“ in der UdSSR unterstützt wurde. Es ist auch nicht gerade zufällig, dass beide „führende Kader“ im Exil in der UdSSR trainiert wurden, die deren Art von „Sozialismus“ nach Deutschland bringen wollten. Eindeutig ist also, dass die Geschichte der DDR, wie die Geschichte des 20. Jahrhunderts überhaupt, nicht von dem Schicksal der russischen Revolution bestimmt zu trennen ist, und Stalins Machtkonsolidierung 1924 durch Korruption, Repressionen und Mord. Die DDR wurde auch „stalinisiert“ und ihre Entstehung kam als Folge des Machtbedürfnisses der UdSSR zustande. Doch die Stalinisierung der Sowjetischen Besatzungszone erfolgte auf andere Art und Weise als in Russland.
In der sowjetischen Besatzungszone war die SPD die größte politische Partei der Arbeiterklasse und es würde Stalin nicht leicht gefallen sein, die Organisation einfach zu verbieten.[14] Zuerst hat Stalin mit der SPD gearbeitet, um sich dann schließlich mit allerlei Ausschließungen und willkürlichen Verhaftungen gegen diese Organisation zu wenden.
Der Aufstand von 1956 machte es auch der Partei klar, dass die politische Organisation der DDR anders aussehen müsste als die UdSSR - es mussten viele Zugeständnisse gegenüber den Arbeitern gemacht werden und die Konsolidierung ihrer Macht in der DDR musste sich auf ganz anderer Basis vollziehen.[15]
Die basisdemokratische Macht der Antifas, der Volksausschüsse und Pseudo-Gewerkschaften in der Nachkriegszeit könnten, aus marxistischer Sicht, als eine wichtige Grundlage für die Schaffung der „Diktatur des Proletariats“ betrachtet werden, doch wurden diese auch von der sowjetischen Besatzungsmacht neutralisiert.[16] Gareth Pritchard liegt also völlig richtig, wenn er den „parasitären“[17] Aspekt des Stalinismus hervorhebt. Die Solution, zu der die sowjetische Bürokratie kam, bestand darin, die spontan entstandenen basisdemokratischen Initiativen der Aktivisten im Zaum zu halten, die Unterstützung der aktivsten „Minderheit“ mit Privilegien zu gewinnen und dann die politische Energie dieser Basisorganisationen in alternative (sprich „sichere“) Organisationen umzulenken, die sich natürlich leichter von oben kontrollieren ließen.[18]
Die spontan entstandenen demokratischen Initiativen der Arbeiter in der Nachkriegszeit, für Marxisten eine Voraussetzung für die Sozialisierung der Demokratie und die absolute Herrschaft der Arbeiterklasse, war der Methode der stalinisierten Bürokratie entgegengesetzt, so dass formelle Abeiterorganisationen, wie die SED und der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund, ihre Aktivisten-Basis verloren, um durch Jasager und Bürokraten ersetzt zu werden.
Viele Aktivisten gaben sich natürlich nicht zufrieden mit solchen Entwicklungen, hielten jedoch trotz allem fest an der Idee, dass die DDR immer noch auf dem „Weg zum Sozialismus“ wäre.
Das liefert noch einen Hinweis auf die Macht der Bürokratie und ihre Herrschaft über die Bevölkerung in der DDR. Die SED stellte sich als eine allwissende Organisation dar, die sich ausschließlich und exklusiv mit den Nuancen der marxistischen Lehre auskannte (im Volksmund „Partei-Chinesisch“) und so auch den teleologischen ‚Weg’ zum Kommunismus. Es ist überhaupt nicht übertrieben, diese deterministische Einstellung als religiös zu bezeichnen. Louis Fürnbergs Lied, „Die Partei“[19] deutet auf die totalitären Ansprüche der Partei hin und die unkritische Hingabe vieler Sozialisten. Aus einer pseudo-religiösen Überzeugung, vertraten sie die Ansicht, dass die Partei „immer Recht“ hätte und wirklich eine neue, höhere Gesellschaft aufbauen würde. Das war vor allem der Fall in waehrend der sogenannten Aufbau-Jahren unter Walter Ulbricht.
Zudem sorgte die Verflechtung von Partei und Staat dafür, dass die eher kritischen Bürger der DDR leicht beiseite geschoben werden konnten. Formell hieß diese Machtausübung in der Verfassung von 1961 „zentrale Leitung und Planung“, aber es war eher so, dass die „Partei des neuen Typs“ den Staat - und als Folge alles andere- leitetet, steuerte und lenkte. Die Ausschaltung jeder innerparteilichen (d.h. zwangsläufig auch staatlichen) Demokratie, die willkürliche Machtausübung durch bürokratisch und zentralistisch organisierte Apparate, und die Unterdrückung jeder freien Diskussion in Staat und Gesellschaft durch politische Kontrolle, Zensur und Geheimpolizei, schliessen sogar die Hoffnung auf wirkliche Mitbestimmung, von den in der Verfassung verankerten „Arbeitern und Bauern“ aus.
Aufgrund dieser politischen Repression, durch eine aufgeklärte ‚marxistische’ Minderheit der Gesellschaft, ist es nicht gerade wunderlich, dass marxistische Begriffe wie „die Diktatur des Proletariats“ nicht nur ein Feigeblatt für die Taten des SED-Regimes, sondern auch politische repressive Werkzeuge wurden, um die Bevölkerung der DDR im Zaum zu halten. Als besonders schreckliches Beispiel d ient das Jahr 1968, die Zeit der Besetzung der Tschechoslowakei: hier „proklamierte Ulbricht die inzwischen in Vergessenheit geratene ‚Diktatur des Proletariats’“ und sorgte dafür, dass eine „substanzielle Grundrechtsdiskussion, die diesen Namen annähernd verdient“[20] nicht auf der Tagesordnung stand.
Politisch-ideologisch gesehen war die DDR nur eine indirekte Erbin des Marxismus – der Staat hatte genauer gesagt den stalinisierten Marxismus vererbt. Georg Brunner ist der festen Überzeugung, dass es in Verfassungsfragen „eine völlige Übereinstimmung“ gibt zwischen den Ideen Marx’ und der politischen Praxis der DDR. Diese Analyse unterschätzt jedoch die Macht des Stalinismus, marxistische Ideen, wie die „Diktatur des Proletariats“ dermaßen umzudeuten, dass sie quasi-religiöse Charakterzüge annehmen und als repressive politische Mitteln gebraucht werden können.
Auch im wirtschaftlichen Bereich war die DDR und die geo-politische Strategie der UdSSR gefestigt – was schon mit der Übernahme der 200 wichtigsten Betriebe durch die Sowjetische Besatzungsmacht und die Gründung der Sowjetischen Aktiengesellschaft begann, was dazu führte, dass die Hauptverwaltung des sowjetischen Vermögens im Ausland beim Ministerrat der UdSSR war.
Die schrittweise Kollektivisierung der Wirtschaft begann schon in den 50er Jahren mit der Bildung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, aber erst 1953, nach der Einstellung der Reparationszahlungen fing die Kollektivisierung wirklich an – bis 1960 waren 90% der Produktionsmittel verstaatlicht. Obwohl eine klare Wende gegen diese völlige Bürokratisierung, um1963, mit der Einführung des „Neuen Ökonomischen Systems der Planung und Leitung“ (NÖS) zu konstatieren ist, war dieses System immer noch durch den ‚Plan’ kontrolliert. Zudem sorgten diese Reformen für mehr Freiheit in der Zivilgesellschaft und innerhalb von wenigen Jahren musste die SED diese verlorene zentrale Kontrolle wiederherstellen – so verfügte der Staat unter Honecker wieder über 90% der wirtschaftlichen Produktion.
Man sprach von Planung und Selbstbestimmung der Arbeiter, um so eine wirtschaftliche Produktivität zu erreichen, die tausendmal so produktiv und effizient war, wie die verschwenderische, auf Profitraten basierende, Marktwirtschaft. Sowohl die DDR als auch die UdSSR hatten jedoch erhebliche wirtschaftliche Probleme – vor allem dabei, den Bedürfnissen der Konsumenten nachzukommen. Das lag hauptsächlich daran, dass es mangels eines von unten gesteuerten Wirtschaftsplans fast unmöglich war, sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Dieses Problem spiegelte auch andere Strukturprobleme der DDR wider: was eigentlich von unten durch einen demokratischen Plan kommen sollte, kam von Oben durch die Staatliche Planungskommission und ihre Anweisungen für was, wie und wie viele produziert werden sollte. Diese Anweisungen, ohne demokratische Mitbestimmung von unten, neigten nicht nur zur Unstimmigkeit zwischen Wirtschaft und Einzelbetrieben, sondern auch zu Produktionsausfall und Verschwendung. Wieder ist also eine Kluft zwischen dem formellen Plan und der eingebauten Ineffizienz der DDR Wirtschaft zu konstatieren. Was also als Sozialisierung der Wirtschaft durch die demokratische Selbstverwaltung der Arbeiter vorgesehen war, manifestierte sich als die Verstaatlichung der Betriebe und der Genossenschaften, die der Willkürlichkeit von demokratisch unwiderrufbaren Planungskommissionen unterworfen waren.
Die wirtschaftliche Basis der DDR deshalb als „nominal sozialistisch“[21] zu bezeichnen, trifft nicht völlig zu, denn diese Formen entwickelten eine eigene Dynamik, die sich gegen die arbeitenden Menschen richtete. Schließlich beruhte die Herrschaft des Staates in erster Linie auf ihrer Kontrolle und Verwaltung des wirtschaftlichen Überschusses in der DDR. Es kann sogar betont werden, dass die verstaatlichten Eigentumsformen es dem Staat ermöglichten, die Bevölkerung ganz genau zu kontrollieren. Hillel Ticktin vertritt sogar die Auffassung, dass die Geheim und Staatssicherheitsdienste der UsSSR so über mehr Macht verfügte als die Gestapo oder die heutige MI5, wo das Privateigentum eine größere Privatsphäre mit sich bringt.[22] Es ist auch mittlerweile festgestellt worden, dass die DDR eine größere Anzahl von Spitzel pro Kopf der Bevölkerung hatte, als jegliche anderen Gesellschaft in der Geschichte der Menschheit. In Bezug auf diese Situation schreibt Karl Willhelm Fricke, dass „die Diktatur des Proletariats“ eigentlich als „die Herrschaft durch Kader“[23] in einer ‚durchherrschten’ Gesellschaft bezeichnet werden kann.
Aufgrund der oben angeführten Argumente lässt sich schliessen, dass die formelle marxistische Staatsideologie der DDR und die harte alltägliche Realität für die „Arbeiter und Bauern“ sehr weit auseinander lagen. Marxistische Begriffe und Konzepte wurden gebraucht, doch zugleich wurden deren Bedeutungen umgestellt. Die Weltrevolution als Übergangsphase wurde in einen „Moskaunationalismus“ umgewandelt, der Demokratische Zentralismus und die innerparteiliche Demokratie durch den bürokratischen Zentralismus ersetzt und die „demokratische Diktatur des Proletariats“, als die von Marx vorgesehene Ausübung absoluter demokratischen Herrschaft von unten in jeder Sphäre der Gesellschaft, war ein ideologisches Feigblatt für das Regime. Insofern gilt der ‚offizielle’, d.h. staatsideologische, Bezug auf „Marxismus-Leninismus“ in vieler Hinsicht als linke Verschleierung für den Stalinismus.
Aus der Tatsache, dass die DDR eher durch die Machtkonsolidisierung der UdSSR, als durch eine Revolution von unten entstanden ist, ist zu entnehmen, dass die DDR eigentlich nur insofern ein „Staat der Arbeiter und Bauern“ war, dass sie immer wieder betonte, sie wäre ein solcher. In Wirklichkeit hatte die von Marx und Engels vorgesehene „Sozialisierung der Produktivkräfte“ wenig mit den so genannten Volkseigenen Betrieben zu tun, denn diese wurden der Willkürlichkeit der Planungskommissionen und den Bürokraten unterworfen, statt der demokratischen Planung der Arbeiter.
In vieler Hinsicht müssen sowohl Trotzki als auch Lenin gewisse Schuld für das Verkommen der Revolution tragen. Angesichts des Bürgerkrieges und der Einmarschierung von 14 anderen Ländern ist es nachzuvollziehen, warum beide dafür plädiert haben, auf bestimmte demokratische Rechte in der Partei zu verzichten. Lenins Verbot der Fraktionen 1920 und Trotzkis entschlossene Durchführung der Politik des Kriegskommunismus sind Beispiele dafür. Es ist jedoch im Nachhinein festzustellen, dass solche politische Entscheidungen, die als vorübergehend vorgesehen waren, von Stalin und später von Ulbricht, Piek, Honecker usw. theorisiert wurden. So lässt sich der Begriff der „Diktatur des Proletariats“ in einem vollkommen neuen Lichtschein verstehen. Dem Begriff wird sein demokratischer Inhalt entnommen und deswegen ist es allzu leicht für die moderne politische Theorie, die Ideen Marx’ und die Praxis der DDR gleichzusetzen und den Begriff „Diktatur“ im modernen Sinne des Wortes zu benutzen. Es ist nicht nur in dieser Hinsicht, dass die DDR eine zwiespältige Beziehung zum Marxismus hat, und es ist vollkommen richtig, den Marxismus in der DDR als ‚monumental’ zu verstehen.
In dem Umgang mit der DDR hat die marxistische Geschichtswissenschaft dazu geneigt, das System, trotz der offensichtlichen Unterdrückung und Repression, als „historisch progressiv“[24] zu bezeichnen, aufgrund der verstaatlichten Produktionsmittel und der Hoffnung, dass diese Staaten einen Ausgangspunkt für die Weltrevolution sein könnten. Diese Einstellung unterschätzt jedoch das Ausmaß der Stalinisierung und verkennt die Tatsache, dass eben diese verstaatlichen Produktionsformen gebraucht wurden, um die Diktatur der herrschenden Partei über das Proletariat selbst zu erweitern. Wie die DDR genau zu definieren sei, setzt eine größere Analyse voraus, die in Zukunft hoffentlich erfolgen wird.
[1]Thompson, Peter, Crisis of the German Left: The PDS, Stalinism and the global economy, 1.Aufl. (New York; Oxford: Berghahn, 2005) S.19.
[2]Löw, Karl, in 'Karl Marx und das politische System der DDR', hrsg. von K.Löw, 1.Aufl. (Asperg b. Stuttgart: Meyn, 1982) S.7.
[3]Mampel, ‘Karl Marx und die Diktatur des Proletariats in der DDR’, in Karl Marx und das politische System der DDR, hrsg. von K.Löw, 1.Aufl. (Asperg b. Stuttgart: Meyn, 1982) S.37
[4]Löw, Karl, ‘Karl Marx und die Diktatur in der DDR’, in Karl Marx und das politische System der DDR, hrsg. von K.Löw, 1.Aufl. (Asperg b. Stuttgart: Meyn, 1982) S.33
[5]Ebd.
[6]Das englische Wort “gay” oder der deutsche Begriff “geil” sind alltägliche Beispiele
[7]Draper, Hal, The Dictatorship of the Proletariat in Marx and Engels
[8]Ebd.
[9] Marx, Karl und Engels, Friedrich, Das kommunistische Manifest
[10]Draper, Hal, Karl Marx’s Theory of Revolution, Volume Three: The Dictatorship of the Proletariat, 2. Aufl. (Monthly Review Press,U.S.A 1986). S.447f.
[11]Mampel, ‘Karl Marx und die Diktatur des Proletariats in der DDR’, in Karl Marx und das politische System der DDR, hrsg. von K.Löw, 1.Aufl. (Asperg b. Stuttgart: Meyn, 1982) S.38
[12]Ebd.
[13]Staritz, Dietrich, Die Gründung der DDR : von der sowjetischen Besatzungsherrschaft zum sozialistischen Staat, 1.Aufl. (München : Deutscher Taschenbuch Verlag, 1984)S.19.
[14]Thompson, Peter, Crisis of the German Left: The PDS, Stalinism and the global economy, 1.Aufl. (New York; Oxford: Berghahn, 2005) S. 40.
[15]Weber, Hermann, Geschichte der DDR, 1. Aufl. (München : Deutscher Taschenbuch Verlag, 1985).S.186
[16]Pritchard, Gareth, The making of the GDR, 1945-53 : from antifascism to Stalinism, 1.Aufl.(Manchester : Manchester University Press, 2000) S.229.
[17] Ebd.
[18]Ebd. S.226f.
[19]Weber, Hermann, Geschichte der DDR, 1. Aufl. (München : Deutscher Taschenbuch Verlag, 1985) S.197
[20]Brunner, Georg‚’Karl Marx und die Grundrechte in der DDR’, in Karl Marx und das politische System der DDR, hrsg. von K.Löw, 1.Aufl. (Asperg b. Stuttgart: Meyn, 1982) S.63
[21]Thompson, Peter, Crisis of the German Left: The PDS, Stalinism and the global economy, 1.Aufl. (New York; Oxford: Berghahn, 2005) p.22.
[22]Ticktin, Hillel, No more historical abortions
[23]Fricke, Karl, in Die Gesellschaft der DDR : Untersuchungen zu ausgewählten Bereichen, hrsg. von Dieter Voigt, 1.Aufl. (Berlin : Duncker & Humblot, 1984) S.62.
[24] Mandel, Ernest, On the Nature of the Soviet State <http://newleftreview.org/?page=article&view=925>
