Ich will in dieser Rede euerer Intelligenz nicht beleidigen, indem ich die verheerenden Folgen der Umweltzerstoerung aufliste und euch dazu aufrufe, etwas dagegen zu tun. Keiner kann leugnen, dass wir uns im Moment vor einer oekologischen Krise befinden. Die Frage ist jetzt nicht ob es eine Krise gibt, sondern wie die zu bekaempfen ist. In dieser Rede werde ich mich mit dieser Frage beschaeftigen – mit verschiedenen Askpekten des gruenen Gedankengutes und ihre Probleme, mit der geschichtlichen Methode des Marxismus und ich werde versuchen zu zeigen, dass „Gruen“ eigentlich „rot“ heisst und dass die Oekologie eine konsequente Kapitalismuskritik anbieten sollte, wenn die Umwelt wirklich gerettet werden sollte.
Ich war ganz ueberrascht gestern als ich im Hopo sass. Ein Mitglied von "Freie Bildung Bonn" war ganz erstaunt als er erfuhr, dass ich der Referent fuer das Thema Marxismus und Oekologie waere. Das mit dem Marxismus haette er erwartet, aber Oekologie? Angenommen, vielleicht sehe ich nicht so wie ein Muesli-Mensch aus. Aber ich glaube seine Bemerkung ist politisch sehr interessant und sagt viel ueber die Methode der „marxistischen Linke“ im Umgang mit der Umwelt aus. In der Tat ist das einer der lobenswerten Leistungen von oekologischen Theoeretikern und Aktivisten, und die Marxisten haben auf jeden Fall in dieser Hinsicht was von gruenen Denkern zu lernen. Marxismus, trotz den Aktionen vieler oekonomistischen linken Gruppen, geht um mehr als Loehne, Gewerkschaften und Arbeitsbedingungen, sondern ist eine bestimme Art und Weise, die Gesellschaft zu analysieren und zu veraendern, um alle Menschen zu befreien und den Umgang der Menschen nicht nur mit anderen Menschen, sondern zwangslaeufig auch die Natur, durchaus zu humanisieren.
Die Natur und der Mensch sind zwei Seiten einer komplexen dialektischen Einheit, die sich staendig aendert. Der Mensch ist jedoch in diesem Verhaeltnis, in dieser Einheit von sonderbarer Bedeutung – wir Menschen sind die Haelfte dieser Einheit, sie sich ihrer Existenz bewusst ist. Anderen Arten und Wesen passen sich langsam der Natur an. Wir jedoch, durch unsere Arbeit wandeln die Natur um, eine Arbeit die immer auf einem bestimmten Plan oder Vision basiert – mit wechselndem Erfolg. Indem sich unsere produktive Kraft erweitert und staerker wird, wird dementsprechend auch die Auswirkung auf die Umwelt immer ausgepraegter – beispielsweise die verheerenden Folgen der Chernobyl-Katastrophe. In der heutigen Welt, ob das beabsichtigt war oder nicht, bleibt kein Fleck der Welt unberuehrt von den Taetigkeiten der Menschen. Insofern ist die Umwelt auf negative Weise vergesellschaftlicht worden.
Doch die Begriffe Produktion, die Gesellschaft, Arbeit und so weiter sind alle Abstraktionen – es gibt in unserer Menschengeschichte spezifische Organisationen des Produktionsverfahrens – primitiver Kommunismus, Sklaverei, Fedualismus, asiatischer Statismus, arabischer Merkantilismus, Kapitalismus, sowjetische bureaukratische Zuteilung, usw und usf. Insofern ist es auch eine Abstraktion, darueber zu reden, wie sich die menschliche Arbeit auf die Natur auswirkt – diese Auswirkung haengt von dem jeweiligen Produktionsstadium, naehmlich der Zusammensetzung der Produktion ab.
Die Kapitalistische Produktionsweise: das Wesen des Kapitals besteht darin, sich zu akkumulieren. Interesse an den Menschen oder der Welt sind nebensaechlich. Das Kapital muss sich staendig erweitern indem es auf parasitaere Art und Weise Mehrwert von den Arbeitenden Menschen saugt und diesen Wert dann in Kapital umwandelt. Dass die Natur ein Wert an sich hat, ein guter Spaziergang in der frischen Luft, ein Bad in einem sauberen See, ist dem Kapital voellig gleichgueltig. Das Kapital interessiert sich erst dann fuer die Natur, wenn es zu ihrer Selbstexpansion fuehrt – insofern beruht das Kapital auf die Pluenderung sowohl der Arbeitenden Menschen als auch (und zwangslaeufig so denn sie wohnen in dialektischer Einheit) der Natur. Fuer Leute die vielleicht der Meinung sind, dass die Linken nur auf die Arbeiter konzentrieren, und darauf bestehen, dass die Arbeiter allen Wert in der Welt erschoepfen, die bitte ich, die Kritik des Gotha Programms (1875) von Marx zu lesen, in der es klipp und klar steht – die Natur ist ein Wert an sich und wenn die Linken sagen, dass nur die Arbeiter allen Wert schaffen, geraten in dieselbe ideologische Falle wie alle andere Denker des „technologischen Prometheanismus“ – also diejenigen, die der Meinung sind, dass die moderne Technik ueber die Natur herrschen soll um die Menschen zu dienen. Diese Methode ist hoechst einseitig, und vergisst, dass die Interessen der Menschen und der Natur aufeinander angewiesen sind.
Oekologie und Umweltschutz bestehen fuer mich darin, von der Verehrung der Pluenderung der Natur und der sich zunehmenden Zerstoerung der Natur zu fliehen. Doch trotz diesen zweifellos guten Absichten gibt es verschiedene Probleme mit „gruenen“ Ideen – die sich hauptsaechlich darauf beruhen, dass sie die Wurzel der Zerstoerung der Umwelt nicht anpacken.
Insofern machen gruene Gedanken den selben Fehler wie der technologische Prometheus. Gruenes Gedankengut neigt dazu, Betonung nur auf der Seite der Natur zu legen, und nicht auf dem dialektischen Verhaeltnis zwischen dem Menschen und der Natur.
Der Versuch, die globale Zerstoerung dadurch zu erklaeren, dass es einfach zu viele Menschen auf der Erde gibt fuer die begrenzte Kapazitaet der Natur gibt, wie viele Leute betonen, ist nicht nur ungeschichtlich sonder kann auch anti-menschliche Folgerungen haben. Marx beschreibte solche Ideen von Malthus, ein Bevoelkerungstheoretiker, zum Beispiel als „eine Ausrede fuer die Armut der Arbeiterklasse.“
Dennoch haben wir in den letzen 200 Jahren eine riesige Zunahme der BEvoelkerung gesehen. Es dauerte 200,000 Jahren bevor die Anzahl von Menschen auf der Erde eine Milliarde betrug. Das war im Jahre 1825. Dennoch ist die zweite Milliarde von Menschen innerhalb von 100 Jahren entstanden, die dritte Milliarde innerhalb von nur 35 Jahren und die vierte Milliarde innerhalb von nur 12 Jahren.
Doch im Vergleich zu Malthus und anderen Bevoelkerungstheoretikern muss es betont werden, dass durch die technischen Fortschritte innerhalb von der Agrarwirtschaft, sich auch die Existenzmitteln exponentiell erweitert haben – die Moeglichkeit besteht, trotz den Aussagen der Anahengern des Kapitals, die Welt zu versorgen, doch innerhalb vom systematischen Rahmen des Kapitalismus, ist das nicht moeglich.
Die marxistische Methode lehnt jedoch nicht ab, dass die Natur eine begrenzte Kapazitaet hat und dass die Bevoelkerungsanzahl keine Auswirkung auf die Umwelt hat. Eine solche Auffassung waere genauso wie die des technologischen Promehteanismus – naehmlich dass die Natur unsere Sklavin ist, die unserem Willen unterworfen ist. Viele Faktoren sind hier im Spiel, und wir muessen sie in ihrer Totalitaet von zahlreichen Ursachen und Faktoren betrachten und begreifen.
An sich ist der Begriff Bevoelkerungsanzahl auch eine Abstraktion – wie Gesellschaft Produktion und Arbeit. Jede Gesellschaft hat eine spezifische Bevoelkerungsdynamik. Anders gesagt reproduzieren sich die Menschen innerhalb von unterschiedlichen sozialen Formationen und historischen Umstaenden. Ich will nicht in genauerer Detail eingehen, aber es liegt auf der Hand, dass die Familie des Feudalismus – naemlich eine Einheit der Produktion – sich komplett von der Familie des modernen Kapitalismus – eine Einheit der Konsumption - krass unterscheidet. Das ist genau das was bevoelkerungstheorien innerhalb von dem gruenen Gedankengut nicht in Betracht ziehen. Wie wir Menschen mit der Umwelt umgehen ist eine soziale Frage und muss als eine solche analysiert werden. Das heisst wie die Menschen miteinander umgehen, wie sie produzieren und sich reproduzieren praegt ihren Einfluss auf die Umwelt. In den USA zum Beispiel gibt es 374 Milliardaeren, obwohl 45 Millionen Leute offiziell unter Armut wohnen. Der durchschnittliche CEO in den USA verdient 431 mal das, was der durchschnittliche Arbeiter verdient. Die luxurioesen Sachen wie Boote, private Flugzeuge usw fuehren natuerlich dazu, dass diese kleine Clique von Reichen mehr zur Zerstoerung der Umwelt fuehrt als eine amerikanischer Arbeiter – geschweige denn ein chinesischer Bauer.
Einige gruene Denker des „Bio-Centrism“ sind zum Beispiel der Auffassung, dass Aspekte der Natur, sprich Waeldern und Bergen die gleichen Rechte wie den Menschen zugeordnet werden sollen. Die Natur existiert objektiv. Doch Begriff wie „Recht“ oder „Anspruch“ sind, wie die Kunst, Moralitaet, Recht, „gerecht“ und so weiter – menschliche Konstruktionen. Natur, als Natur an sich hat keine Interessen. Die ist ihrer Existenz nicht bewusst. Sonst wuerden wir Baeume auf den Strassen sehen, die gegen Entwaldung oder Studiengebuehren demonstrieren. Dennoch haben wir als Menschen Interesse an der Natur – wir sind auf die Natur angewiesen und die Vielfaeltigkeit, Preservierung der Natur sind in unseren materiellen, kulturellen und geistlichen Interessen.
Massnahmen wie die Oeko-Steuer und den Handel von Emissionen, um die Welt zu retten sind im Moment ganz beliebt, doch die finde ich auch hoechst kontraproduktiv. Solche Massnahmen legitimisieren die Verschmutzung der Umwelt und bevorziehen die maechtigsten Kapitalkonzentrationen, die die sich so was leisten koennen. Mit solchen Massnahmen besteht auch die Gefahr, dass umweltzerstoerende Firmen ihre Produktionen in anderen Laendern verlagen, wo die Gesetze nicht gelten. Solche Massnahmen, zweifellos mit guten Absichten, foedern eigentlich die Zerstoerung der Umwelt.
Fuer mich also hat das gruene Gedankengut zwei Probleme: es kann, wie wir mit den Gruenen gesehen haben in Deutschland, den Kapitalismus nicht zaehmen, und es bietet keine Alternative zur positiven Ueberwindung des Kapitalismus an.
Es gibt zwar auch radikale Gruene, die solche Bevoelkerungstheorien mit Recht ablehnen und auch den sozialen Aspekt dieser Frage hervorheben.
Wenn ein gruener Denker sagen wuerde, dass die menschliche Gesellschaft endlich aufhoeren soll, die Produktion zu fetishisieren und verehren, und dass wir die Natur beschuetzen sollen, indem wir erstmal unsere global menschliche, soziale Verhaeltnisse im Griff bekommen, waere ich auch ein Gruener – eine solche Methode heisst der Marxismus.
Aber gruener Radikalismus neigt dazu, lokale statt globale Loesungen aufzuzeigen. Viele gruene Radikalen stellen sich kleine Kommunen und Staedte vor, die aus Aktivisten bestehen und innerhalb von den kapitalistischen Machstrukturen bestehen und langsam Organe von Doppelmacht werden.
Selbst wenn wir annehmen, dass so was moeglich waere, gibt es ein grundlegendes Problem mit dieser Methode. Selbst wenn diese Strukturen sich dem Sachzwang des Kapitals nicht hingeben wuerden, haetten sie trotzdem noch Probleme. Sie wuerden einzelne eingeteilte Interessen artikulieren und leicht in Konflikt miteinander geraten. Um das System zu ueberwinden ist die hoechste Koordinierung Theorie und Diziplin der sozialen Mehrheit, der Arbeiterklasse, aller Laender noetig, die in dem Kampf um die radikale Demokratie die Beschraenkungen des Systems durchbrechen.
Kurz zusammengefasst:
Die Frage der Umwelt ist eine systematische Frage, und der Marxismus stellt sie auch als eine solche dar. Das Wesen des Kapitalismus, in seinem Bestreben nach Profit setzt Ausbeutung und Ungleichheit voraus. Indem ein solches System andauert, egal ob unter der imperialistischen Dominierung der EU, der USA oder GB, kann von einem humanisierten, echt menschlichen Umgang mit der Umwelt nicht die Rede sein. Es geht nicht darum die Bevoelkerung der Welt zu reduzieren sondern ihre Verhaeltnisse zueinander, und zwangslaeufig auch zur Natur, zu sozialisieren. Es ist die Aufgabe der politischen Oekonomie der Arbeiterklasse, des Marxismus, die Frage der Umwelt als Teil eines Programms fuer die allgemeine Befreiung der Weltbevoelkerung zu integrieren – nicht einfach gruene Forderungen nachzuahmen. Diese Frage geht auch weiter ueber die Beschraenkungen von Gewerkschaftsfragen und Loehnkaempfen hinaus – der Ansatzpunkt unserer Bewegung soll die Beduerfnisse des Menschen sein: ein bisschen weniger arbeiten hier, oder ein bisschen mehr Kohle verdienen da, reicht nicht aus. Um ihr Verhaeltnis zur Umwelt zu sozialiseren muss die Arbeiterklasse der Welt durchaus menschlich werden und die Gestaltung unserer Planet in den eigenen Haenden nehmen, und nicht zulassen, dass das soziale Verhaeltnis Kapital, das (vor allem mit dem Aufkommen des Finanzkapitals) fast keiner mehr kontrollieren kann, unsere Umwelt zerstoert. Also fuer mich heisst oekologisch sein konsequent anti-kapitalistisch sein – und das heisst ein engagierter Anhaenger der Arbeiterklasse zu sein in ihren taeglichen Kaempfen um die radikale Demokratie. Gruen sein fuer mich heisst also durchaus rot sein. Danke schoen.